Der FuBball, mein Leben & ich
Hans _ wiranitt
Bei der WM 1978 besiegelte der Wiener MittelstOrmer das Schicksal des DFB-Teams. Beim FC Barcelona beerbte er Johan Cruyff und holte den Europacup. Doch seine wahre Leidenschaft 1st die Musik
Interview Tim JOrgens
Foto Andreas Jakwerth
Hans Krankl, Sie haben mal gesagt: „Ich ware gem Pop-star geworden." Aber Sie waren doch einer?
Aber nicht wie die heutigen Profis. Als ich Ende der Siebziger in Barcelona spielte, ging ich mit meinen Kindern an Las Ramblas zum Einkaufen. Da haben mir Leute freundlich auf die Schulter geklopft: „Hansi, que tal?" Aber stellen Sie sich vor, der Messi wfirde heute dort auftauchen.
Die Frage bezog sich eher auf die Tatsache, dass Sie 1986 mit der Coverwversion eines Paul-Anka-Songs „I bin halt ganz allan" die Charts stfurmten.
Musik war immer eine Lei-denschaft, da ging es mir nicht urn den Erfolg. Ich habe mich nie als Volkssanger verstanden, der als bekannter Fugballer Schunkelmusik a la „Bin i Radi, bin i Konig" trdllert.
Sondern?
Als Professor des Pop, Rock und Jazz. Ich war schon als Jugendlicher begeisterter Musikhorer und habe viel darfi-ber gelesen. Und bis heute spiele ich mit meiner Band „Monti Beton" rund zwanzig Konzerte pro Jahr.
1974 sangen Sie den Schlager „Ohne Ball und ohne Netz". Im Refrain heigt es: „Vor, vor noch ein Tor".
Eine Jugend-sfinde, ich war erst 21, ein Jungprofi. Bitte sprechen Sie mich nicht weiter auf die Platte an. (Lacht.)
Spater landeten Sie mit dem Song „Der Batman bin i" in die Hitparaden.
Des war scho besser
. Tragt der Text autobiografische Zfige?
Wer war nicht gern der Superman, Batman oder Hulk? Die Avengers gefallen auch mir, und ich habe als Torjager stets versucht, Super-krafte zu entwickeln. Denn daran andert sich nix: SchieEt ein Stfirmer Tore, 1st er der Held, der Avenger. Schiegt er keine, wird er geprfigelt.
In Katalonien wurden Sie zum „Goleador". Klingt auch irgendwie nach Superheld.
Das hat ein spanischer Journalist erfunden, aber heute nennen sie mich auch in Osterreich so.
Zur aktiven Zeit sagten Sie: „Vor 100 000 spielen macht mir nix aus, aber vor 10000 singen, da tat mir das Klapperl gehen."
Inzwischen fallt mir das Livesingen leichter, aber das war ein langer Weg. Toreschiegen war mein Beruf. Das habe ich bei den besten Jugendtrainern der Welt gelernt, bei Robert Korner und Sepp Pecanka. Musik 1st mein Hobby, die musste ich mir erst aneignen. Bis heute bin ich darin nicht perfekt, aber halbwegs professionell.
Sie sind mit grfinem Blut in den Adern bei Rapid Wien grog geworden. Wer war Ihr Vorbild?
Als junger Kerl war's der George Best. Ein Superdribbler, mit langen Haaren, der das Leiberl aus der Hosen hatte. So wollte ich auch sein. Aber wenn bei mir die Haare am Kragen ankamen, sagte mein Vater: „Hansi, ab zum Friseur, sofort."
George Best war bekannt fur seinen exzessiven Lebenswan-del.
Auch in der Hinsicht hatte ich keine Gemeinsamkeit mit ihm. Er hatte bestimmt ein sehr lustiges Leben, aber das Ende war nicht schon. Als ich Profi wurde, wurde ich ein Riesenfan vom Johan Cruyff. Seine Art, das Tempo aus dem Spiel zu neh-men und dann so wahnsinnig zu beschleunigen, das wollte ich auch konnen.
Und als Sie 1978 zum FC Barcelona wechselten, folgten Sie ausgerechnet auf Cruyff als neuer Starstfirmer.
Als ich unterschrieb, war mir nicht bewusst, dass ich sein Trikot iibernehmen wurde. Erst bei der Pressekonferenz merkte ich, dass sich alle fragten, wie ich ihn beerben wolle.
Und?
Ich habe gesagt: „Ich werde nie so gut wie Cruyff sein. Aber eins verspreche ich Ihnen: Ich werde mehr Tore als er erzielen."
Was Ihnen in der ersten Spielzeit gelang: Sie wurden mit 29 Toren Torschfitzenkonig.
Ich hatte ein groges Selbstbewusst-sein. Was auch daran lag, dass Trainer Lucien Muller fur mich eine Vaterfigur war. Bei meiner Verpflichtung kam er nach Wien und sagte: „Herr Krankl, Sie sind mein Mittelsairmer, Sie will ich beim FC Barcelona haben!" Barca war fur mich als Fugballer das, was Hollywood fur Schauspieler ist. Und ich bin geschmolzen.
Sie hatten in der Saison 1977/78 mit 41 Treffern fiir Rapid den „Goldenen Schuh" gewonnen. Am Ende der Saison 1978/79 gewannen Sie nun im Finale mit Sal-0 gegen Fortuna Diisseldorf den Europacup der Pokalsieger.
Es war vielleicht das beste Jahr meiner Laufbahn.
Kurz vor dem Europapokalfinale hatten Sie und Ihre Gattin einen schweren Autounfall.
Wir wurden in der Stadt von einem Wagen erfasst, der seitlich in unser Auto presch-te. Ich kam bis auf ein paar Schurfwunden mit dem Schre-cken davon. Aber meine Frau schwebte lange in Lebens-gefahr. Deshalb konnte ich vor dem Spiel zwei Wochen lang nicht trainieren.
Und dennoch liefen Sie auf - und machten in der Verlange-rung den Treffer zum 4:2.
Aber ich habe nicht gut gespielt. Meine Frau war inzwischen auger Lebensgefahr und der Trainer sagte: „Hansi, du musst spielen. Gegen die Deutschen brauchen wir dich."
Ein Riesenerfolg, doch nur ein halbes Jahr spfiter waren Sie weg aus Barcelona.
Lucien Muller wurde vom Co-Trainer Joaquim Rife abgelost, mit dem ich mich bis dahin hervor-ragend verstand. Doch kaum war er befordert, wurde er zum Vollidioten.
Woran machen Sie das fest?
Er legte sich mit der gesamten Mannschaft an. Pochte knallhart auf Regeln. Mit Lucien Muller hatte ich vereinbart, dass ich nach Landerspielen am Mittwoch erst freitags ins Training zuruckkehren musste. Rife aber ordnete an, dass ich schon am Donnerstag wieder da sein sollte. Also sagte ich: „Nix, ich komm erst am Freitag." Und er strich mich aus dem Kader.
Sie sagten: „Rife schaut aus wie ein Aff' und is auch einer."
Habe ich gesagt? Kann sein. Ich war schon base auf ihn. Und weil ich ein Sturschadel bin, sagte ich zum Vizeprasidenten: „Wenn der bleibt, gehe ich." Der konnte sich das nicht vorstel-len - und dann bin ich eben zur Vienna gewechselt.
In den Abstiegskampf der osterreichischen Liga.
Ich war halt ein sturer Hund. Rapid hat mich hingehalten, weil der Klub kein Geld hatte, also ging ich zu Vienna und erzielte 16 Tore. Den Abstieg konnte ich aber nicht verhindern.
Urn es im Sommer noch einmal bei Barca zu versuchen.
Dort waren sie zur Vernunft gekommen und hatten Rife ent-lassen. Sein Nachfolger, Ladislao Kubala, kam nach Wien, wir spielten zusammen Tennis und redeten viel. Kubala, einer der
groEten Spieler aller Zeiten, wollte, dass ich zuruckkomme. Und wieder bin ich geschmolzen.
Aber kaum waren Sie zuriick, wurde Kubala von Helenio Herrera abgelost.
Dem Catenaccio-Professor.
Bernd Schuster hat gesagt, Herrera sei damals „alter als der Bohmerwald" gewesen, „dreimal abgeholzt".
Der konnte kaum noch etwas sehen. Das Problem war, dass damals nur zwei Auslander pro Team zugelassen waren. Kubala hatte Alan Simonsen, den Nachfolger von Neeskens, und mich an-gemeldet. Nun kam aber Bernd Schuster hinzu und Herrera entschied, dass er lieber ihn haben wollte, und ersetzte mich durch den Spanier Quini im Angriff. Also nahm ich das Angebot von Rapid an - und ging nach Hause
. Obwohl Sie Angebote aus halb Europa hatten?
Aus Monaco, aus Nantes, aus Anderlecht, aus Dusseldorf und vom AC Mailand.
Warum Rapid?
Weil ich traurig und enttauscht war, dass sich Barcelona gegen mich entschieden hatte. Dass sie auf diesen uralten Trainer horten. Ich dachte: „Wenn ihr mich ned wollt's, geh ich halt heim."
Sie sehnten nach einem vertrauten Umfeld?
Wer mich kennt, der wei&, dass mir die Familie sehr wichtig ist. Ich war stets ein Spieler, der den Rfickhalt eines Trainers brauchte. Ich wurde vier Tage vom AC Mailand hofiert, es war unglaub-lich. Meine Frau und ich verlebten grogartige Tage in Italien. Aber mir war klar: Ich will nach Hause. Es war der gredte Fehler meines Lebens.
Auch wenn Sie es aus tiefer Uberzeugung taten?
Ich glaube, ware ich damals nach Mailand gegangen, Mae ich spater garantiert als Trainer in Italien gearbeitet. Mein Leben ware anders verlaufen.
Stattdessen haben Sie vor allem bei kleinen Vereinen erfolg-reich gearbeitet: beim VfB Modling oder dem SV Gerasdorf.
Ich habe den Fehler gemacht, stets darauf zu warten, dass die Leute zu mir kommen und mich haben wollen. Ich war zu faul und hate mich mehr prasentieren mfissen, um auch mal im Ausland einen Job zu bekommen. Aber wenn die Prasidenten aus Gerasdorf oder Mi5dling kamen und sagten „Herr Krankl, wir wollen nur Sie", fiihlte sich das gut an.
Bereuen Sie das?
Vielleicht habe ich den Trainerjob unter-schatzt. Aufgrund meiner Spielerkarriere dachte ich, mit dem rechten Willen geht alles. Aber das stimmt nicht, als Trainer bist du abhangig davon, was die Spieler machen. Mit 36 be-endete ich meine Laufbahn bei Austria Salzburg, drei Wochen spater war ich Rapid-Trainer und fiberzeugt: „Jetzt fressen wir sie alle auf." Aber ich musste einsehen, das funktioniert nicht. Da bin ich an meinen eigenen Anspruchen gescheitert.
Ihre einzige Auslandsstation nahmen Sie 2000 bei Fortuna Köln an. Klubchef Jean Loring hatte gerade Toni Schu-macher in der Halbzeit mit den Worten entlassen: „Du mass minge Verein kapott. Du bass he nix mie zu sare, du Wichser."
Viele hatten mich gewarnt: „Hansi, pass da auf, du mit deiner Goschn!" Aber ich habe selten einen so herzlichen Menschen wie Loring kennengelernt. Nach jedem Heimspiel bekamen alle Kinder der Spieler Geschenke von ihm. Wenn ich was brauchte, sagte er: „Trainer, kein Problem." Er hatte einen guten Schmah. In seinem Bur° bot er mir Zigarren an. lch antwortete: „Boss, Sie wissen doch, ich rauche nicht." Da-rauf er: „Das ist guuut! Gewohnen Sie's sich gar nicht erst an."
Beim ersten Training sollen Sie gesagt haben: „II/Milner, der Dom muss brennen."
Das haben Journalisten erfunden. Was hat der Dom damit zu tun? Ist gar nicht meine Wortwahl.
Was haben Sie denn gesagt?
Wenn aberhaupt: „Die Sildstadt muss brennen."
Ihre Spriiche sind legendar: „Ich Janke dem lieben Gott fiir mein Charisma."
Soil ich gesagt haben? (Lacht.) Das bin i ned.
Nach dem 3:3 als Nationalcoach Osterreichs gegen Nordir-land zweifelten Sie ein Tor des Gegners an: „Noch einmal: Das ist irreregular! Ende."
Ein Versprecher in der Emotion. Dass es ausgerechnet gegen die Nordiren passiert - Schicksal.
Ihr berfihmtester Spruch: „Wir miissen gewinnen, alles andere ist primar."
Das haben deutsche Journalisten erfun-den. Ich wusste gar nicht, dass mir der Spruch zugeschrieben wird, bis ich zu Fortuna Koln kam. Dort haben mir die Spieler eine Sammlung meiner besten Sprechen an die Kabinentar geheftet. Und ich hab ihnen erklart, welcher Spruch von mir ist und welcher erfunden.
Sprechen wir fiber die WM 1978 in Argentinien und Ihre legendaren Tore gegen die DFB-Elf in Cordoba. Stimmt es, dass einige deutsche Spieler Sie vor Anpfiff provoziert haben?
Nein, mit Berti Vogts, Rolf Rassmann und Sepp Maier kam ich sogar sehr gut aus. Aber in der Presse wurde kolpor-tiert, dass bestimmte Akteure gesagt hatten, die Osis hauen wir mit sechs Toren weg. Sie wissen ja, wie das geht. Das hat uns motiviert und wir liegen noch einmal angasen.
Nach dem 3:2-Sieg druckte die „Bild am Sonntag" Ihre private Telefonnummer ab.
Ein Journalist gab unsere Wiener Nummer bekannt. Aber zu der Zeit waren die Frauen bei uns im Quartier, wir stellten also erst nach der Rackkehr nach Osterreich fest, dass pausenlos das Telefon klingelte.
Hassanrufe?
Im Gegenteil. Viele sagten: „Danke, dass Sie's den Schei&deutschen gezeigt haben." Das waren auch Be-kloppte, wer kommt denn auf so eine Idee? Aber es zeigt, dass die DFB-Elf keinen guten Ruf hatte. .
Bei der WM 1982 trafen Sie in der Vorrunde erneut auf das deutsche Team.
Da waren wir nicht so gut. Und die Deut-schen auch nicht. (Lacht.)
Die „Schande von Gijon".
Da war nichts abgesprochen, es hat sich einfach aus der Situation ergeben.
Wie geht das denn?
Beide Teams wussten, welches Ergebnis zum Weiterkommen reicht. Zudem waren wir korperlich in extrem schlechter Verfassung. flatten die Deutschen ge-wusst, wie libel wir beieinander waren, hatten sie uns abgeschossen. Aber die hatten so die Hosen voll, well sie gegen Algerien verloren hatten, dass sie nach dem 1:0 von Hrubesch dichtmachten.
Wie lief denn die Kommunikation auf dem Rasen ab?
Paule Breitner, weir Gott kein Fauler oder einer, der ein Blatt vor den Mund nimmt, sagte standig: „Bleibt's ruhig." Zum Gluck ist das Reglement danach geandert worden.
Warum sind Sie nach der WM 1982 mit 30 Jahren aus der Nationalelf zurfickgetreten?
Gute Frage. Der WM-Trainer hat uns nicht gepasst. Wir glaubten, dass wir in Spanien noch besser abschneiden als in Argentinien. Aber wir waren auch intern zerstritten. Als nach der WM einige Spieler ihren Rack-tritt erklarten, dachte ich, dass es nach neun Jahren in der Auswahl vielleicht reicht.
Nach drei Jahren kamen Sie ffir ein einziges Landerspiel zuriick.
Toni Polster war mein Nachfolger im Angriff des OFB-Teams, aber 1985 hatte er eine Flaute. Teamchef Branko Elsner sagte: „Herr Krankl, wir massen gegen Ungarn in der WM-Qualifikation gewinnen, warden Sie far ein Spiel zurack-kommen?" Er hat nett gebeten, also sagte ich zu.
Sie unterlagen mit 0:3.
Immerhin erzahlt Toni Polster bis heute stolz, dass er einmal mit seinem Idol Hans Krankl zu-sammengespielt hat. Als sich die Niederlage anbahnte, wurde er drei&ig Minuten vor Schluss eingewechselt.
Hans Krankl, welcher Song soli bei Ihrer Beerdigung ge-spielt werden?
Die Frage werde ich Ihnen nicht beantworten, aber ich kann Ihnen sagen, was das schonste Lied ist, das je geschrieben wurde.
Bitte.
„Waterloo Sunset" von den Kinks. Eine Ode an London, die Ray Davies far seine Heimatstadt geschrieben hat. Ich singe es auch selbst.
In einer osterreichischen Version?
Nein, auf Englisch. Dieses Lied darf man nicht entehren.